Pflegenotstand – Notstand einer Altenpflegerin

Am Wochenende traf ich Meike S. eine Bekannte, die ich schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Wir erzählten vom Alltag und sie berichtete von ihrer veränderten Lebenssituation und dass sie dadurch bedingt nun wieder in das Arbeitsleben einsteigen musste. Als examinierte Altenpflegerin sollte das mit ein wenig Einarbeitung kein Problem sein. Vor 18 Jahren, als ihre Zwillinge zur Welt kamen, hörte sie nach ein paar Jahre im Beruf auf zu arbeiten und widmete sich der Erziehung ihrer Kinder und ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten. Nun wollte (musste) sie wieder in ihren Beruf einsteigen, doch es stellte sich die Frage wer stellt jemanden nach so langer Pause ein. So bewarb sie sich erstmal bei einer Zeitarbeitsfirma, wurde sofort eingestellt und erhielt sofort eine Arbeit. Sie wurde an ein Altenpflegeheim vermittelt, indem „es brannte“, denn Einrichtungen wenden sich immer an Zeitarbeitsfirmen wenn die Personalsituation kritisch wird. Sie arbeitet nun dort seit 6 Monate und sie arbeitet sowohl in der Einrichtung wie auch wieder in ihrem Beruf sehr gerne.

Auf meine Nachfrage wie es mit der Einarbeitung war nach so langer Pause im Beruf winkte sie ab: „Was Einarbeitung? Einen Tag bin ich mitgelaufen und dann hieß es am nächsten Tag: Meike, kannst Du den 1. Stock übernehmen? Falls Du Fragen hast, kannst Du Dich gerne melden. Das schaffst Du schon.“ Klar hat sie das geschafft, aber die Ängste und Unsicherheiten, ob es alles so richtig ist blieben. Schon seit Jahren hatte sie kein s.c. Injektionen mehr verabreicht oder katheterisiert und subkutan Infusionen musste sie an ihrem früheren Arbeitsplatz auch nicht anlegen. So frischte sie ihr Wissen auf durch die Beobachtung ihrer Kollegen und übernahm das was zu tun war. Es waren noch keine 7 Tage vergangen, da musste sie eigenverantwortlich den Wochenenddienst übernehmen – sie sei doch examiniert!  Aus Angst und Unsicherheit kam sie an ihren freien Tagen vor dem Wochenende und arbeitete mit um noch etwas mehr Routine zu erlangen. Die Nächte davor schlief sie unruhig – Was mache ich falls es einen Notfall gibt? Hoffentlich erkenne ich ihn auch?

Weil sie für manche Tätigkeiten noch anfänglich mehr Zeit als die anderen benötigt (z.B. beim Medikamente stellen), kommt sie morgens eine halbe Stunde früher – aber Überstunden dürfen sie und ihre Kolleginnen sich nicht aufschreiben!! So erscheint es als ob die Stellen ausreichend sind.  Inzwischen hat sie sich gut eingearbeitet und einiges sich wieder angelesen, doch das Bedürfnis nach einer qualifizierten und strukturierten Auffrischungsschulung bleibt. Aber, wer bietet so eine Schulung für Wiedereinsteiger an? Und welcher Arbeitgeber hat Interesse daran die Fortbildungsmaßnahme zu finanzieren. Die Zeitarbeitsfirma verweist auf den Träger der Einrichtung, die Einrichtung auf die Zeitarbeitsfirma. So besucht Meike zumindest die hausinternen Fortbildungen in ihrer Freizeit, damit sie sich langsam wieder ein theoretisches und praktisches Fundament erarbeitet. Sie arbeitet nämlich sehr gerne in ihrem Beruf.

Dieses Beispiel beschreibt einen Einzelfall, der sicherlich in ähnlicher Weise häufig immer wieder vorkommt. Zu groß ist der Mangel an qualifiziertem Personal gerade in der Altenpflege. Es zeigt aber auch wie dringend notwendig eine klare Regelung in den Pflegeberufen ist, entweder durch eine Berufsordnung oder eine Pflegekammer. Nicht nur um die Qualitätsstandards zu definieren und hochzuhalten sondern um auch die Pflegenden zu schützen, nicht nur die Patienten. Eine Selbstverwaltung könnte sicherstellen, dass Mindestkriterien für den Wiedereinstieg in den Beruf eingehalten und entsprechende Fortbildungs-maßnahmen auch angeboten werden. Dadurch würden sich vielleicht mehr Pflegende wieder in den Beruf „trauen“, weil sie keine Angst vor schlaflosen Nächten und nicht vorhersehbaren Situationen haben müssten.

Ein Kommentar zu “Pflegenotstand – Notstand einer Altenpflegerin”

  1. comah

    … hier der Kommentar von Meike:

    Dein Blog-Beitrag ist wirklich gut. Er spiegelt genau meine Situation bzw. natürlich die Situation vieler Wiedereinsteigerinnen. Wir werden ohne Auffrischung der Pflegetechniken, die sich im Verlauf der vielen Jahre auch verändert haben können, auf unsere Bewohner “losgelassen”. Nach und nach bekommt man dann mit, dass dies oder jenes heute gar nicht mehr so gehandhabt wird. Manchmal auch von Altenpflegeschülern. Stell dir das mal vor: du bist examinierte Kraft und die Schüler erwarten eigentlich, dass du ihnen, das, was sie in der Schule theoretisch gelernt haben, in der Praxis vermittelst. Na prima! Ich kann das nicht leisten!
    Aber ich besitze immerhin die Courage, dies ehrlich zu meinen Schülern/Kolleginnen zu sagen. Zum Glück bin ich beim Chef, bei allen Kollegen und bei den Bewohner sehr beliebt, sodass mir bisher noch niemand “blöd gekommen” ist.
    Aber die Unsicherheit bleibt. Ich kann schließlich nicht jedem Angehörigen, jedem Arzt (bei Visiten) auf die Nase binden, dass ich im Grunde genommen “(fast) keine Ahnung” mehr habe. Die denken ja alle, ich weiß tiptop Bescheid. Schließlich steht auf meinem Kittel “examinierte Altenpflegerin”.
    Und durch meine guten organisatorischen Fähigkeiten kann ich die Defizite im pflegerischen Bereich auch prima kaschieren.

    Naja, lange Rede kurzer Sinn: ich muss schauen, dass ich irgendwie an Fortbildungen teilnehmen kann, (…).

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