Was macht einen Pflegewissenschaftler/eine Pflegewissenschaftlerin aus?

In einem engagierten Positionspapier erläutern in der Ausgabe 02/2007 der Pflegezeitschrift Theo Dassen und Jan Kottner ihre Sichtweise zum Stellenwert der Pflegewissenschaft in Deutschland. Dabei bemühen sie sich auch um Abgrenzungen zu anderen pflegebezogenen Studiengängen und benachbarten Wissenschaftsrichtungen. Ohne Zweifel ist das ein gelungener Beitrag, der klar macht: Nicht immer ist Pflegewissenschaft drin, wo Pflegewissenschaft draufsteht, das gilt für Studiengänge ebenso wie für Publikationen.
Die Feststellung, dass es viel Forschung über die Pflege und wenig Forschung in der Pflege gibt, verdeutlicht das Grundproblem: Die schnelle Wissensvermittlung in den Studienfächern Pflegepädagogik und Pflegemanagement wird irgendwann auf der Stelle treten, wenn nicht bald vermehrt pflegewissenschaftliche Forschung betrieben wird. Ohne Zweifel mangelt es daran in Deutschland. Ich stimme zu, dass in einigen Studiengängen die Dominanz sozialwissenschaftlicher Themengebiete den Blick auf die Pflegewissenschaft versperrt. Mir scheint es auch so, dass viele Soziologin, Psychologinnen –natürlich auch Psychoanalytikerinnen - und Pädagoginnen auf dem Niveau ihres Studiums stehen geblieben sind und für echte pflegewissenschaftliche Fragestellungen und Theorien nichts übrig haben, geschweige denn hier auf dem neusten Stand sind. Trotz der möglichen Relevanz, die deren Wissensvermittlung, für die Praxis hat, bleibt der Bergriff „Pflegewissenschaft“ in diesen Fällen eine Mogelpackung. Aber dieser Missstand darf nicht generalisiert werden.
Ich halte es für einen Fehler, die Ursache für die mangelnde Berücksichtigung der Pflegewissenschaft in der mangelnden Einstellung von Pflegewissenschaftlerinnen/Pflegewissenschaftler zu sehen. In dem Artikel wird leider pflegewissenschaftliche Kompetenz mit pflegewissenschaftlichem Studium gleichgesetzt. Das ist ungeeignet, um die eigentliche Botschaft zu transportieren.
Viel entscheidender als der Studienabschluss sind doch die theoretischen, methodischen und praktischen Kompetenzen, sowie die Forschungsschwerpunkt der Personen. Daher kann natürlich auch ein Sozialwissenschaftler/eine Sozialwisseschaftlerin pflegewissenschaftlich – auch im Sinne von Dassen und Kottner – arbeiten.  Ebenso ist es möglich, dass Pflegewissenschaftlerinnen/Pflegewissenschaftler die Kompetenz zum pflegewissenschaftlichen Arbeiten nicht mitbringen, weil beispielsweise fundamentale
methodische Kompetenzen fehlen. Die Beispiele verdeutlichen, dass es wichtig ist, Studienabschluss und berufliches Interesse/berufliche Kompetenz zu trennen.

Fazit:  Da der Begriff Pflegewissenschaftlerin/Pflegewissenschaftler nicht geschützt ist und die Ausbildung bundesweit sehr heterogen ist, kann alleine die inhaltliche und methodische Ausrichtung für die Abgrenzung relevant sein. Es macht Sinn, sich über das Selbstverständnis und Forschungsinhalte auseinanderzusetzen, aber es macht keinen Sinn gute und schlechte Pflegewissenschaft anhand des zugrunde liegenden Studiums trennen. Die Frage von Dassen und Kottner „Wenn es keine Pflegewissenschaftler gibt, so stellt sich die Frage, wer denn diese Basis erarbeitet?“ müsste also so lauten „Wenn es keine Pflegewissenschaft gibt, so stellt sich die Frage, in welchen Wissenschaftsbereichen diese Basis erarbeitet wird?“

Ein Kommentar zu “Was macht einen Pflegewissenschaftler/eine Pflegewissenschaftlerin aus?”

  1. Dassen, T. & Kottner, J.

    Ohne Zweifel haben Studienabschluss, Studienfach und der Fokus der
    eigenen wissenschafftlichen Tätigkeit nur bedingt miteinander zu tun. An
    keiner Stelle des Artikels wird “pflegewissenschaftliche Kompetenz mit
    pflegewissenschaftlichem Studium gleichgesetzt”, wobei erst einmal zu
    klären wäre, was “pflegewissenschaftliche Kompetenz” überhaupt ist.
    Es ist weiterhin nicht nachvollziehbar, an welcher Stelle des Artikels von
    “mangelnder Einstellung von
    Pflegewissenschaftlerinnen/Pflegewissenschaftler” die Rede ist, wobei die Formulierung “mangelnde Einstellung” noch problematischer ist.
    Zusammenfassend ist zu sagen, dass ein Pflegewissenschaftler derjenige
    ist, der ausgehend von von der Begriffsbestimmung “Pflegewissenschaft” (S. 97) pflegewissenschaftlich arbeitet. Werden pflegewissenschaftliche
    Studiengänge und Promotionsmöglichkeiten im deutschsprachigen Raum
    ausgebaut, liegt es zumindest nahe, dass dadurch auch mehr
    pflegewissenschaftlich geforscht und gelehrt wird.

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