Was ist ein Advertorial?
comah am 7. November 2010 um 14:48Die Novemberausgabe 2010 von Die Schwester Der Pfleger halte ich in Händen und wie so oft blättere ich gespannt durch und bin dann entsetzt über einen Beitrag, der im Layout der Zeitschrift erscheint und die Vorzüge von ausgewählten Wundpflegeprodukten anpreist.
Dann entdecke ich, dass dies zu einer neuen Rubrik der Zeitschrift gehört – einem Advertorial. Ich stutze und überlege: „Was ist das? Der Advent rückt nahe. Hat es damit zu tun?“ Aber weit gefehlt. Der Blick ins Internet zeigt folgende Definition:
„Ein Advertorial – (…) ist die redaktionelle Aufmachung einer Werbeanzeige, die den Anschein eines redaktionellen Beitrages erwecken soll. Das Advertorial zählt zu den Kommunikationsinstrumenten oder Werbeformen, die nicht eindeutig der Werbung oder Öffentlichkeitsarbeit zugeordnet werden können. Laut deutschem Presserecht muss aber eine klare Trennung von redaktionellem Inhalt und Werbung vorgenommen werden, d. h. das Advertorial muss als Anzeige gekennzeichnet sein. (…) Advertorials werden vor allem im Print- und im Onlinebereich ein immer probateres Mittel mit zweifelhaftem Beigeschmack, ähnlich wie Schleichwerbung.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Advertorial)
Schleichwerbung also! Wieder einmal in dieser Pflegezeitschrift!
Hier wird mal wieder deutlich, mit welchen Mitteln die (Pharma)Industrie versucht ihre Zielgruppe (die Pflegenden) zu beeinflussen. Pharmakonzerne in den USA gaben 2004 insgesamt 57,5 Milliarden Dollar in Werbemaßnahmen, aber nur 31,5 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung (39,3 zu 21,5 Milliarden Euro). Damit lagen die Ausgaben fast doppelt so hoch wie für Forschung und Entwicklung schreiben Marc-André Gagnon und Joel Lexchin von der York University im kanadischen Toronto im Online-Fachblatt “PLoS Medicine”. Solche Unsummen werden für Werbemaßnahmen natürlich deshalb ausgegeben, weil sie wirken und den Umsatz steigern – koste was es wolle!
Die (Pharma)Industrie hat also eine neue Zielgruppe gefunden: Die Pflegenden. Nachdem die Ärzteschaft zunehmend die Werbe- und Marketingstrategien der Pharmaindustrie durchschaut und mit Aktionen wie „Mein Essen zahl ich selbst“ (http://www.mezis.de/) sich ganz langsam davon distanziert, und versucht die Ziele und Einflussnahmen der Industrie transparent darzustellen, werden von der Industrie neue Wege und Zielgruppen gesucht um die Produkte an den Mann bzw. Frau zu bringen. Pflegenden wurden nun als wichtige Zielgruppe erkannt, da sie Entscheidungen für die Auswahl von Pflegeprodukten und Arzneimittel maßgeblich beeinflussen und somit gezielt auch umworben werden müssen (A Jutel, DB Menkes 2008, PLoS Medicine www.plosmedicine.org ).
Die Bereitstellung von solchen Beiträgen, wie hier im „Advertorial“, ist der Industrie dazu ein probates Mittel. Bislang war in der Zeitschrift Die Schwester/Der Pfleger Werbung für Pflegeprodukte expliziter z.B. durch die Rubrik „Industrie Tipps“ oder durch Einlage-Flyer mit klarer Zuordnung zu Firma und Produkt gekennzeichnet. Mit der Rubrik des Advertorial verlässt Die Schwester/Der Pfleger diese transparente Darstellung und somit die Trennung von Werbung und neutraler Information. Übrigens: Eine klare Kennzeichnung des Beitrags als Anzeige konnte ich nicht finden, oder ist die Kategorienzuordnung „Advertorial“ dafür ausreichend?!
Verständlicherweise benötigt eine Zeitschrift Einnahmen durch Werbung für die Finanzierung ihres Produkts. Als Mitglied im DBfK lege ich Wert darauf und erwarte ich, dass die Trennung von Werbung und Zeitschriftenbeitrag in einer Zeitschrift, die als Organ des DBfK fungiert, klar gezogen wird. Ansonsten werden auch wir Pflegende in die Abhängigkeit und in den Sog der (Pharma)Industrie gezogen werden. Das sollten wir nicht zulassen!
Dr. Cornelia Mahler
